Ein tiefschwarzes Kapitel

NS-Dokumentationsstelle in der Villa Merländer mit Aktionsreihe zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms

Das Ehepaar Italiander vor seinem Antiquitätengeschäft an der Neusser Straße in Krefeld. (c) NS-Dokumentationsstelle Krefeld
Das Ehepaar Italiander vor seinem Antiquitätengeschäft an der Neusser Straße in Krefeld.
Di 6. Nov 2018
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 45/2018 | Ann-Katrin Roschek
Sie gehört zu den tiefschwarzen Kapiteln der deutschen Geschichte: Vom 9. auf den 10. November 1938 werden von den Nationalsozialisten etliche jüdische Geschäfte verwüstet, Synagogen niedergebrannt und Juden getötet und in den Selbstmord getrieben.
Die Villa Merländer hat als NS-Dokumentationsstelle in Gedenken an die Reichspogromnacht ein spezielles Novemberprogramm ausgerufen. (c) Dorothée Schenk
Die Villa Merländer hat als NS-Dokumentationsstelle in Gedenken an die Reichspogromnacht ein spezielles Novemberprogramm ausgerufen.

 Die Reichspogromnacht kennzeichnet den Übergang von der Diskriminierung zur systematischen Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland. In der „Kristallnacht“ brannte auch die Krefelder Synagoge: Zum 80-jährigen Jahrestag des Novemberpogroms veranstaltet die Villa Merländer als NS-Dokumentationsstelle in Krefeld nun eine ausgewählte Aktionsreihe.

„Das, was damals passiert ist, kann auch heute noch passieren“, sagt Burkhard Ostrowski als Mitarbeiter der Villa Merländer, „und deswegen ist Aufklärung unser wichtiges Mittel.“ Seit fast 30 Jahren arbeitet der Historiker gegen das Vergessen in Krefeld: Gemeinsam mit seinen Kollegen erforscht er die Geschichte von jüdischen Familien, die aus Krefeld deportiert wurden, begibt sich auf Zeitzeugensuche und dokumentiert jedes einzelne Schicksal. „In Krefeld sind im Zweiten Weltkrieg fast die Hälfte der hier lebenden Juden Opfer des Judenmordes geworden“, weiß der Kempener. „Im Vergleich zu anderen großen Städten war das eine immens hohe Zahl.“ Dabei bestand eine besondere Verbundenheit der jüdischen Gemeinde zur Seidenstadt: Als pulsierendes Wirtschaftszentrum fanden viele Familien über Jahre ihren Lebensmittelpunkt hier. Sie bezogen Wohnungen, gründeten Geschäfte und schlossen Freundschaften.

„Wir wissen, dass viele Krefelder eingesprungen sind, um ihre jüdischen Freunde vor den Nazis zu verstecken“, erklärt Ostrowski. „Aber nicht nur jüdische Familien wurden gejagt. Auch Homosexuelle, Menschen mit Behinderung oder Kollaborateure sind ermordet worden.“ An die Opfer der Verfolgung erinnern heute mehr als 120 sogenannte Stolpersteine in Krefeld, die die NS-Dokumentationsstelle gemeinsam mit dem Verein der Villa Merländer verlegt. Jeder einzelne Stein hat seine individuelle Geschichte – eine Geschichte, die niemals vergessen werden darf.

 

Das Schicksal der Familie des Krefelder Antiquitätenhändlers Albert Italiander

Albert Italiander kommt am 20. Februar 1860 auf die Welt. Gemeinsam mit vier Geschwistern wächst er in Krefeld auf. Er besucht eine jüdische Schule auf der Felbelstraße und heiratet 1886 seine große Liebe Emma. Ein Jahr später wird ihr erster gemeinsamer Sohn, Adolf, geboren. In den nächsten Jahren bekommt er drei Geschwisterchen: Siegfried, Johanna und die jüngste Schwester Martha bilden mit Albert, Emma und Adolf die Familie Italiander. Schon früh interessiert sich Albert für Kunst: Während er als Optiker häufig auf Geschäftsreisen geht, macht er sich nach dem Feierabend in den fremden Städten auf die Sache nach außergewöhnlichen Hinterlassenschaften. Ob gotische Schränke, kostspielige Zinngefäße, Leuchter oder Stühle: Der junge Mann mit dem zuverlässigen Blick schleppt etliche Schätze in die Seidenstadt. Mit seinen Mitbringseln kommt er an: Nicht nur das Kaiser-Wilhelm-Museum erwirbt Ausstellungsstücke bei ihm, sondern auch die Frau des damaligen Bürgermeisters Oehler ist seine Kundin.

Im Jahr 1909 eröffnet er schließlich einen Antiquitätenladen an der Neusser Straße 41 und zieht mit seiner Familie über den Geschäftsbereich in das Obergeschoss. Albert und sein Geschäft sind angesehen in der pulsierenden Stadt: Viele wichtige Persönlichkeiten gehören zum Freundeskreis der Familie Italiander. Doch der jüdische Familienvater spürt die aufkeimende Veränderung im Land. In einem Brief an Verwandte berichtet er von einer sich zuspitzenden politischen Lage, die wie ein Vulkan bald auszubrechen scheine. Und mit den wehenden Hakenkreuzfahnen am 6. März 1933 vor dem Krefelder Rathaus beginnt der Vulkan, Feuer zu spucken. Schnell spürt die Familie die ersten Konsequenzen der Naziherrschaft: Sohn Adolf emigriert nur wenige Monate nach der Machtergreifung in die benachbarten Niederlande. Gleichzeitig geht der Umsatz des Antiquitätenladens zurück: Die Italianders werden als Juden degradiert; fast niemand traut sich mehr, bei ihnen zu kaufen. 1935 wird Albert gezwungen, sein Geschäft aufzugeben. Gemeinsam mit seiner Familie zieht er an die Rheinstraße 67 und versucht, aus der Wohnung improvisatorisch seine Antiquitäten zu veräußern, um die Familie zu ernähren. Als die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 die jüdische Synagoge an der Petersstraße zerstört und etliche jüdische Krefelder in der ersten Deportation in das Konzentrationslager Dachau gebracht werden, bleibt die Familie Italiander wie durch ein Wunder verschont.

Nur wenige Monate später verliert sie durch die „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“ aber dennoch den Boden unter den Füßen, denn das gesamte Hab und Gut inklusive aller übrigen Antiquitäten wird vom nationalsozialistischen Staat einkassiert. Für Albert beginnt eine schwere Zeit: Seine Kinder überlegen, das Land zu verlassen. Mit über 70 Jahren fehlen ihm und seiner Frau Emma die nötigen Kräfte dafür. Der Judenstern kennzeichnet sie als Fremdkörper der Gesellschaft: Schüchtern und beschämt versucht das Ehepaar, ihn auf der Jacke zu verdecken, wagt sich nur noch selten vor die Tür und erlebt im Winter 1941 schließlich hilflos mit, wie die eigenen Kinder Johanna und Siegfried samt Ehepartnern nach Riga deportiert werden. Ein Dreivierteljahr später finden sie sich selbst mit 221 anderen Krefelder Juden im Hauptbahnhof wieder: Unter menschenunwürdigen Verhältnissen drängt die Gestapo das Ehepaar in einen viel zu vollen Bahnwaggon, der nach Theresienstadt fahren wird. Dort, wo einst 7000 Menschen gelebt hatten, sind nun 50 000 zusammengepfercht. Die Hygieneverhältnisse sind miserabel, es gibt fast keine Nahrung, und im Alter von 82 Jahren erliegt Albert Italiander am 7. Oktober 1942 schließlich den Folgen von Schwäche, Strapazen und des Raubes seines hart erarbeiteten Lebens.

Was er zum Zeitpunkt seines Todes nicht weiß, ist, dass seine geliebte Frau Emma die Befreiung Theresienstadts miterleben wird: Gemeinsam mit Tochter Martha sitzt sie am 20. Juli 1944 in ei-nem Bus der Stadt Krefeld, der sie in die Seidenstadt zurückbringt. Sie sind die einzigen Italianders, die aus der sechsköpfigen Familie die Judenverfolgung überlebt haben. Die Geschichte der Familie Italiander wurde von Burkhard Ostrowski für die NS-Dokumentationsstelle Krefeld zusammengetragen und ist dort einsehbar.

 

Info

Programm zum Novemberpogrom

8. November um 18.30 Uhr, Erinnerungsfeier an den Novemberpogrom im Jüdischen Gemeindezentrum Krefeld, Wiedstraße 17

13. November um 17 Uhr und 18. November um 15 Uhr, Stolpersteinrundgang durch Cracau, Treffpunkt Villa Merländer

14. November um 19.30 Uhr, Villa Merländer, Vortrag von Ludger Heid: „Der November-Pogrom und sein Platz in der Geschichte“